Tokio
Teil 2
 

Ein Blick hinter die Kulissen der japanischen Metropole

Reiseziel: Tokio

- Von LanguageWire-Projektleiter Philip Philipsen, der über zwei Jahre in Tokio gelebt und studiert hat.

Japanese Taxi Damon Jah
Foto: Damon Jah

OK – Sie sind gerade in Tokio angekommen und haben sich gründlich vorbereitet. Der Jetlag zerrt an Ihrem Realitätsgefühl, und Sie haben keine Ahnung, wie Sie die Woche durchstehen sollen. Es war schon schlimm genug, mit dem Kopf gegen die automatische Taxitür zu stoßen, und es ist Ihnen nur mit Mühe gelungen, sich von der Toilette wegzuschleppen, nachdem Sie auf dem beheizten Sitz eingenickt waren. Sie sind nur aufgewacht, weil der Deckel hinter Ihnen sich zu schließen begann, nachdem Ihnen das eingebaute Spülsystem das volle Bidet-Erlebnis gewährt hatte.

Manche Menschen erleben Japan als einen der letzten Orte der Mystik, doch in Wahrheit handelt es sich nur einige Menschen, die ihr Land auf eine durchaus einzigartige Weise gestaltet haben. Und Sie stehen mittendrin, in Tokio – der Stadt, die anspruchsvoller, verwirrender und erfrischender ist als alle anderen Städte in Japan. In vielerlei Hinsicht wirkt die Ankunft in Tokio so, als würde man direkt in den Film Lost in Translation hineingeraten.

Zum Glück sind die Japaner überall dafür bekannt, dass sie einen besser fühlen lassen, als man ist. Die Japaner verwöhnen Ihr Selbstbewusstsein auf eine Weise, die wirklich beeindruckend ist. Wenn Sie es sich etwas leichter machen möchten, sollten Sie nur darauf achten, wie die Japaner es machen.

Kleidung – den Sonntagsanzug auspacken

Japanese Taxi Damon Jah
Foto: Nisa Yeh

Die Einwohner von Tokio sind sehr stilvoll, und Sie machen sich die Sache viel leichter, wenn Sie Ihre guten Sachen anziehen – wie alle anderen auch. Vergessen Sie staubige Schuhe und Flecken. Sorgen Sie dafür, dass Ihre Schuhe (oder Stilettos) sauber und glänzend sind, Ihr Hemd (oder Kleid) gebügelt ist und die Krawatte (oder die Tasche) richtig sitzt. Sie können natürlich auch lässig gekleidet sein, aber lassen Sie Ihre abgetragenen Sachen lieber zu Hause. Lässig ist hier keine Entschuldigung für Löcher in den Socken oder abgewetzte Hosen. Tatsächlich sollten Sie Ihre Socken prüfen, bevor Sie losgehen: In vielen Restaurants (und in privaten Wohnungen, wenn Sie einmal eingeladen worden sind) müssen Sie die Schuhe ausziehen, bevor Sie eintreten. Die Japaner werden Ihren Respekt vor ihren Traditionen und Bräuchen zu schätzen wissen, und Sie vermeiden es, sich wie ein Außenseiter zu fühlen, wenn Sie sich etwas schick gemacht haben. Das bedeutet also: Schluss mit Flipflops, Tanktops und anderer Strandkleidung in der Stadt, auch im Sommer (außer am Strand).

Wartezeit – kommen Sie pünktlich

Nehmen wir an, Sie haben Ihren Sonntagsanzug an und sind bereit für einen Spaziergang durch die Stadt. Sie haben den Ort gefunden, den Sie besuchen möchten, doch halt, was ist das? Eine Warteschlange! Ja, so ist das. Das ist ein Teil der Kultur. Vor guten Orten befindet sich unweigerlich eine Warteschlange, in der die Gäste geduldig darauf warten, bis sie dran sind. Es empfiehlt sich, Ihre Ankunft einem der Ober zu melden. Sie können Ihnen auch sagen, wie lange Sie voraussichtlich warten müssen. Und geben Sie nicht auf, weil Sie eine halbe Stunde warten müssen – das ist die Sache fast immer wert. Wenn Sie sich verabredet haben, ist es sehr wahrscheinlich, dass Ihr Freund oder Ihre Freundin genau pünktlich oder sogar zehn Minuten früher kommt (Faustregel).

Und auch Sie sollten den vereinbarten Zeitpunkt ernst nehmen. GMT bedeutet in verschiedenen Teilen der Erde unterschiedliche Dinge. Wir wissen alle, was es für die Engländer bedeutet. In manchen Teilen Afrikas kann es „Gambian Maybe Time“ bedeuten, doch in Japan sollte man es eher wie „Genau sein mit Terminen“ übersetzen. Zeit ist eine ernste Sache, und wenn Sie im Geschäftsleben in dieser pulsierenden Stadt ernst genommen werden möchten, sollten Sie zu Terminen mindestens pünktlich kommen.

Essen und Trinken – das Paradies auf Erden!

Food Tokyo Evan Blaser
Foto: Evan Blaser

Ein Restaurantbesuch in Tokio sollte bei allen Besuchern der Stadt als eines der größten Erlebnisse ganz oben auf der Liste stehen. Die Vorliebe der Japaner für Perfektion manifestiert sich in allen Aspekten des Erlebnisses. Von der klassischen Begrüßung (dem lauten „Irasshai!“ oder dem höflicheren „Irasshaimase!“) bis zum andauernden Fokus auf Details bei Speisen und Getränken werden Sie nie im Zweifel darüber gelassen, dass es für die Japaner nur einen Gott gibt: el cliente, Sie, der heilige Kunde. Das Niveau ist äußerst hoch und stabil, die Preise sind angemessen (auch nach der jüngsten Mehrwertsteuererhöhung von 5 auf 8 %), der Service ist makellos und die Qualität himmelhoch. Ganz gleich welche Art von Restaurant oder Gaststätte Sie besuchen, überall wird man sein Bestes tun, um Sie nach allen Regeln der Kunst zu bedienen. Wenn Sie das nicht glauben, dann besuchen Sie doch einmal ein Fastfood-Restaurant, das Sie aus Ihrer Heimat kennen. Die Wahrscheinlichkeit, dass Sie die japanische Variante sprachlos machen wird, ist hoch. Und ich habe noch gar nicht die enorme Auswahl an Restaurants der mittleren und höheren Kategorie erwähnt, für die Tokio berühmt ist. Nach nur fünf Tagen gehen Sie wie in Trance durch die Stadt und fragen sich, wie die das nur machen. Ganz einfach: mit Disziplin, Training, Technik, Fokus auf Details und einen Schwerpunkt auf die Qualität und Frische der Zutaten – und auf den Kunden. So lange Sie den Eigentümer nicht beleidigen, indem Sie mit Ihren Essstäbchen auf andere Menschen zeigen (es handelt sich nicht um eine Waffe), Sie diese in der Reisschale ablegen (wie man es bei einer buddhistischen Opferzeremonie für die Verstorbenen macht) oder die Nase vor anderen Gästen im Restaurant putzen, sollten Sie Ihre kulinarische Reise gut und sicher genießen können.

Dies gilt auch für die große Auswahl an Getränken. Wenn Sie in Tokio sind, können Sie die coolen Weinbars überspringen und direkt in eine Izakaya gehen, eine japanische Tapasbar. Japan ist das Land von Sake und Shochu, die Heimat der Schnäpse auf Reisbasis. Die Art und Weise, wie diese beiden Getränke das japanische Essen ergänzen, ist eine ewige Quelle für Überraschungen. Lassen Sie Ihre Begleitung Ihnen den Schnaps einschenken, das ist eine Tradition in Tokio und im übrigen Land. Und wenn Ihre Begleitung auf dem Trockenen sitzt, sollten Sie es genauso machen, um zu zeigen, dass Sie die Beziehung wertschätzen, die zwischen Menschen mit gegenseitigem Respekt besteht.

Wenn Sie noch Platz für einen Absacker haben, führt kein Weg an den wunderbaren Cocktailbars vorbei. Im Allgemeinen konzentrieren sich die Cocktailbars in Tokio auf die Klassiker (Obstdrinks werden Sie hier nicht finden). Und die Art und Weise, wie der Barkeeper die Drinks schüttelt und rührt und dadurch verzaubert, ist ganz einfach beeindruckend. Auch hier ist jahrelange Übung die Regel. Ein Assistent darf vielleicht nur die Gläser spülen und Dienstbotengänge ausführen, bevor er sich nach und nach auch einmal an der Bar versuchen darf. Manchmal können Sie erleben, wie ein künftiger Barkeeper mit großer Begeisterung einen Drink mixt. Nur um dann zurechtgewiesen zu werden, wenn der Lehrmeister den Drink mit seiner speziellen und geheimen Drehung des Shakers, einem sorgfältig ausgewählten Eiswürfel oder einem zusätzlichen Tropfen von genau der Zutat, die den Unterschied ausmacht, die rechte Abrundung gibt. In diesem Moment blicken Sie in das Herz der traditionellen japanischen Kultur, die in den Restaurants und Gaststätten in ganz Tokio lebt wie eh und je.

Rechnungen – geben Sie kein Trinkgeld

Wenn die Rechnung kommt – na ja, wenn sie überhaupt kommt... Auch wenn Sie die Rechnung an den Tisch bekommen, müssen Sie sie in den meisten Fällen an der Kasse an der Rezeption bezahlen. Doch so weit werden Sie kaum kommen, denn in vielen Fällen hat Ihr Begleiter dies mit einer List bereits erledigt („Ich gehe nur rasch auf die Toilette“ zählt zu den Lieblingsphrasen) und für Sie und die übrigen Gesellschaft bezahlt. So macht man das. Es ist natürlich nicht ungewöhnlich, sich die Rechnung zu teilen, doch für die Japaner wirkt das etwas billig. Die kulturelle Abneigung, sich Rechnungen zu teilen, reicht in Japan tiefer als in der westlichen Welt. Sie brauchen sich übrigens keine Gedanken zu machen, wie großzügig Sie beim Trinkgeld sein müssen, denn in Japan gibt man kein Trinkgeld. Trinkgeld ist kurz gesagt tabu. Wenn Sie es versuchen, gleicht es fast einer persönlichen Kränkung. Lassen Sie es also sein. Folgen Sie dem Strom und „gehen Sie für kleine Jungs“, wenn Sie das nächste Mal mit Japanern essen gehen.

Ansichten – nicht jeder möchte Ihre Meinung hören

In der westlichen Kultur ist es wichtig, eine Meinung zu haben. Die Japaner sind so erzogen, dass sie immer zumindest eine oberflächliche Harmonie aufrechterhalten, und empfinden die Tendenz, sein Herz über alles und jedes auszuschütten, als unangenehm. Sie sollten daran denken und es sich gründlich überlegen, bevor Sie mit etwas herausplatzen, das auf irgendeine Weise als kritisch ausgelegt werden kann. Etwas zu fragen ist besser als etwas festzustellen, und zuzuhören ist besser als seine Meinung auszubreiten. Sie können dabei sogar etwas lernen. Und Sie befolgen das berühmte Sprichwort von Laotse, dem Philosophen und Vater des Taoismus: „Wer schweigt, handelt klug. Wer spricht, handelt unklug.“ OK, Laotse ist vielleicht Chinese, aber die Japaner bewundern alte Ausdrücke und Sprichwörter und zitieren sie gern, genauso wie die Chinesen. Damit erscheint man weise – und hinzu kommt, dass jemand in der Vergangenheit schon die Wörter und Gedanken geäußert hat, die Sie gerade mitteilen möchten

Realität – es gibt nicht nur eine Wahrheit

Sie werden dennoch erleben, dass viele Japaner Sie fragen, welche Meinung Sie über Japan haben – über die Menschen, das Essen, und sogar über Dinge, die sie selbst als störend empfinden. Das ist nicht als Falle gemeint, doch überlegen Sie gründlich, bevor Sie Ihre ehrliche Meinung äußern (wenn diese nicht so positiv ist).

Tokyo Dress Up istolethetv
Foto: istolethetv

Die Wahrheit äußert man in einem geschlossenen Kreis, nicht gegenüber Fremden. Genau hier unterscheiden die Japan haarfein zwischen Personen, die sich in und die sich außerhalb ihres sozialen Umkreises befinden. Manche Menschen bekommen dank der Beziehung die wahre Geschichte serviert. Andere, die nicht so eng dazu gehören, bekommen nur eine leichtere, selektive Version. Das unterscheidet sich im Grunde nicht sehr von unserer eigenen Kultur, könnte man sagen. Aber es ist eine Frage der Steigerung. Doch wenn Sie die Frage „Mögen Sie Tokio?“ gestellt bekommen, dann gibt es natürlich nur eine Antwort. Nämlich „Ja!“

Catfé – streicheln Sie die Katze

Tokyo Catfe dat
Foto: dat'

Nur wenige Städte können sich brüsten, so viele Menschen auf so wenig Platz unterzubringen, wie Tokio. Alle möchten sich genau hier aufhalten: Firmen, Behörden und Einwohner. In Tokio träumt niemand von den Vorstädten, alle möchten genau dort sein, wo es brodelt – und nach nur wenigen Tagen in der Stadt der Träume kann man es ihnen nicht verdenken! Das bedeutet aber auch, dass Platz für die Tokioter echte Mangelware ist. Jeder Quadratmeter ist Gold wert. Daher ist es längst nicht überall möglich, ein Haustier zu halten (wenn es überhaupt erlaubt ist). Was also soll man tun mit dem überwältigenden Drang, sich um jemand oder etwas zu kümmern? Die Antwort ist spielend einfach! Man besucht einfach eines der vielen allerliebsten Katzencafés (Catfé), die es in der ganzen Stadt gibt. Für einen geringen Obolus erhalten Sie Zugang zum Café und können eine Stunde lang Ihr Lieblingshaustier streicheln und verwöhnen, während Sie eine Tasse Kaffee trinken – oder Tee, denn wir sind ja in Japan. Das ist sehr entspannend für die Menschen – aber was mögen nur die Katzen über den endlosen Strom an Gästen und an Aufmerksamkeit denken?

Tätowierungen – Tinte ist nicht beliebt

Im Gegensatz zum Trend in vielen westlichen Ländern begeistern sich die Japaner nicht so sehr für Tätowierungen. Und dafür gibt es natürlich einen Grund. Traditionell wurde Tinte dafür verwendet, um die Mitgliedschaft in einer der vielen kriminellen Organisationen zu signalisieren, die das Land verheerten. Diese reichten von einfachen Schlägerbanden bis zu großen Rauschgiftkartellen. Sie alle hatten gemein, dass sie eng zusammengeschweißte Gruppen waren, die es in der Regel vorzogen, unter sich zu bleiben. Ihre Kennzeichen waren Tattoos (und manchmal auch ein fehlendes Glied am kleinen Finger). Darum ist es nicht überraschend, dass zum Beispiel der Inhaber eines Onsen (eine der vielen heißen Quellen, die es überall gibt) Sie nicht einlassen wird, wenn Sie ein Tattoo tragen. Es tut mir wirklich leid, aber das ist für normale Japaner einfach nicht cool, und es hilft auch nichts, Ausländer zu sein. Laut Gesetz sind Geschäfte mit Mitgliedern der organisierten Kriminalität ein Verbrechen. Überlegen Sie also gut, ob Sie wirklich Ihren verzierten Bizeps vorzeigen oder Ihre Sanskrit-Versprechen entblößen möchten. Auf der anderen Seite ist Japan einer der Orte, an dem Sie sich bestätigen lassen können, dass das Zeichen, dass Sie sich im Tattoo-Studio ausgesucht haben, wirklich „Ewige Liebe“ bedeutet...

Karaoke – mach es auf deine ganz eigene Weise

Tokyo Karaoke Mark Larson
Foto: Mark Larson

Wie Sushi ist auch Karaoke eine Inbegriff des japanischen Kulturerlebnisses. Anders als in den meisten westlichen Karaokebars wird Karaoke in Japan vor allem im privaten Rahmen betrieben, so dass Sie in eher intimer Umgebung den Rockstar in Ihnen rauslassen können. Die Japaner lieben es, Karaokebars in Gruppen zu besuchen, und wenn Sie Glück haben, werden Sie dazu eingeladen. Vielleicht sind Sie nicht so stolz auf Ihre Sangeskünste, doch das sollte Ihnen kein Kopfzerbrechen bereiten. Sie brauchen nur den Hörer vom Sprechapparat in die Hand zu nehmen, Snacks und Getränke zu bestellen, die englische Version der Songübersicht zu wählen, das Mikrophon zu ergreifen und loszulegen – auch in der Diskokugel. Am besten lässt sich dies natürlich zusammen mit einigen Einheimischen genießen, die zweifellos gern hören möchten, welche Nummern Sie am liebsten singen. Ein Nein wird nicht akzeptiert. Darum sollten Sie sich lieber frühzeitig entscheiden, welche Nummern Sie besiegen möchten – und dann geht es nur darum, es auf „Ihre ganz eigene Weise“ zu machen.

Haben Sie Teil 1 unserer Tokio-Reportage verpasst? Kein Problem – Sie finden ihn hier!

Free Hugs Danny Choo
Photo: Danny Choo

Bei LanguageWire arbeiten wir mit einem großen Netz an professionellen Übersetzern – den besten der Welt! Einige sitzen in der Dominikanischen Republik, andere in Island, und wiederum andere auf der anderen Seite des Erdballs, zum Beispiel in Japan. Unsere Übersetzer sind wirklich über den ganzen Planeten verteilt.

Wir möchten Ihnen einige von ihnen vorstellen, und darum haben wir sie gebeten, uns einige ihrer besten Insidertipps über ihre jeweiligen Länder zu übermitteln. Vielleicht gibt Ihnen das Anregungen, wenn Sie eine Reise in die betreffende Stadt planen.