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Warum ist menschliches Urteilsvermögen der Goldstandard für Sprachqualität?

Erika Ockelfelt

Senior Director of Operations Excellence & Application Support

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KI kann inzwischen Texte verfassen und übersetzen, die in vielen Fällen kaum noch von menschlichen Ergebnissen zu unterscheiden sind. Und dennoch wird von Menschen immer noch erwartet, dass sie Content prüfen und freigeben, bevor er veröffentlicht wird. Warum?

Warum haben Menschen immer noch das letzte Wort, wenn es um Sprache geht? Wenn KI bereits flüssige und präzise Übersetzungen erstellen kann, warum kann sie dann nicht auch die Ergebnisse bewerten?

In diesem Artikel gehe ich dieser Frage nach.Ich heiße Erika Ockelfelt und bin Senior Director für Operations Excellence, Compliance & Application Support bei LanguageWire. Seit über 13 Jahren bin ich in der Sprachdienstleistungsbranche tätig und habe einen Großteil meiner Zeit damit verbracht, an der Schnittstelle zwischen Sprache, Qualität und Technologie zu arbeiten. Ich hoffe, dieser Frage gerecht zu werden und Ihnen wertvolle Einblicke zu geben, damit Sie die Zusammenarbeit von Mensch und KI besser verstehen und optimal nutzen können.

Um die Qualität einer Übersetzung beurteilen zu können, braucht es Sprachgefühl. Und dieses Sprachgefühl ist menschlich.

Sprache ist weit mehr als ein Produkt; sie lässt sich nicht losgelöst von uns Menschen betrachten. Sprache ist eine Erweiterung unseres Menschseins. In genau diesem Moment, während Sie diese Zeilen lesen, setzen Sie sich ganz individuell mit Sprache auseinander. Wenn Sie an dieser Stelle innehalten und sich fragen würden: „Welche Sprache benutze ich, wenn ich nachdenke?“, würden Sie wahrscheinlich feststellen, dass Sie in Gedanken Sätze bilden, Vokabeln verwenden und sogar Grammatikregeln auf diese Sätze anwenden.

Sprache ist nicht nur das, was zwischen Menschen geschieht, wenn wir miteinander sprechen; sie ist auch ein wesentlicher Bestandteil der Art und Weise, wie wir unseren eigenen bewussten Geist verstehen und mit ihm „arbeiten“.

Englisch ist nicht meine Muttersprache. Wenn Sie britisches Englisch als Muttersprache sprechen oder Amerikaner:in sind, werden Ihnen einige meiner Redewendungen und Wörter wahrscheinlich etwas seltsam oder einfach „unpassend“ vorkommen. Weil mein Gehirn zuerst auf Schwedisch und erst dann auf Englisch denkt. Wenn ich an meine Grenzen im Englischen stoße, springt Schwedisch ein. Und oft übersetze ich immer noch in meinem Kopf, selbst wenn ich glaube, dass ich es nicht tue, weil ich keine echte bilinguale Sprecherin bin. Dennoch bin ich mit Schwedisch aufgewachsen und habe die Sprache während der entscheidenden Jahre meiner sprachlichen Entwicklung gehört, gesprochen und gelernt.

Aber warum rede ich hier eigentlich so viel über mich selbst? Nun, um einen Punkt zu verdeutlichen. Die Bildung und der Gebrauch von Sprache sind ein höchst persönlicher und innerer Prozess. Sprache dient nicht nur der Kommunikation – sie ist auch ein Mittel, durch das wir unsere Identität zum Ausdruck bringen.

Ein Verständnis von Sprache ist ein wichtiger Ausgangspunkt, wenn es um die Beurteilung von Qualität geht, denn es macht deutlich, warum Qualität so schwer zu definieren ist.

Sprachliche Elemente basieren auf Regeln; ein großer Teil davon jedoch nicht. Sie wird durch den Kontext sowie durch die individuelle Interaktion eines Menschen mit Sprache beeinflusst und geprägt. Ein englischer Text wird von dänischen Muttersprachler:innen, die seit mehr als 20 Jahren in Spanien leben, anders bewertet als von englischen Muttersprachler:innen, die in Großbritannien leben. Sprachqualität und Sprachbeurteilung sind eine Mischung aus objektiven und subjektiven Faktoren.

Und das Subjektive wird nicht nur durch Kontexte beeinflusst, die wir nachvollziehen können, wie beispielsweise Kultur, Medium, Sender:in und Empfänger:in. Es hat auch mit dem (meiner Meinung nach) wohl schwierigsten subjektiven Element zu tun – einem Faktor, der sich nahezu unmöglich quantifizieren lässt: Geschmack.

Sprache dient dazu, Gedanken und Gefühle auszudrücken, Vorstellungen zu entwickeln und Menschen miteinander zu verbinden. Ob diese Funktion erfüllt wird oder nicht, hängt vom subjektiven Sprachgefühl und Geschmack der einzelnen Person ab.

Mir fällt kein subjektiveres Thema ein – Ihnen vielleicht?

Warum lehgen wir nicht einfach Regeln fest, um Sprache weniger subjektiv zu machen?

Um den subjektiven Charakter von Sprache zu verringern, können wir klare Regeln für Grammatik, Rechtschreibung und Aussprache festlegen. Wir definieren Regeln dafür, wie Wörter richtig geschrieben und ausgesprochen, und in welcher Reihenfolge sie verwendet werden sollten, damit Informationen (zumindest theoretisch) von allen möglichst gleich verstanden werden.

Aber die Regeln allein reichen nicht aus, denn Sprache besteht eben nicht nur aus Wörtern.

Zu Sprache gehören auch Gesten, Körpersprache, Lautstärke und Tonalität. Sprache existiert nicht im luftleeren Raum. Sie wird erst lebendig, wenn sie Menschen erreicht. Die Art und Weise, wie wir Sprache durch Hören, Lesen oder Tasten (Braille) aufnehmen, wird durch den Prozessor – das menschliche Gehirn – beeinflusst.

Jedes menschliche Gehirn bringt seine ganz eigenen, individuellen Voraussetzungen mit. Die Art und Weise, wie unsere Neuronen feuern, natürliche Begabung und Intellekt, Vorurteile, Erfahrung und kultureller Blickwinkel – all das prägt, wie wir Sprache aufnehmen und produzieren.

Seit jeher versuchen Menschen, die Komplexität von Sprache durch Regeln und Theorien zu erfassen, um zu verstehen – und möglicherweise zu steuern –, was bei der Kommunikation tatsächlich passiert.

Dies ist jedoch nicht vollständig möglich, da sowohl Sender:in als auch Empfänger:in ihren eigenen Kontext mitbringen, der beeinflusst, wie Sprache verstanden und bewertet wird.

Der persönliche Kontext der Sprachbenutzer:innen (Kultur, Alter, Erfahrung), aber auch der Kontext, in dem die Sprache verwendet wird (öffentlich, intern, im Unternehmen), spielen eine Rolle. Diese Kontexte können jeweils eigene Regeln oder Vorlieben mit sich bringen, die die Beurteilung der Qualität beeinflussen.

Je besser es uns gelingt, den Kontext von Sprache in unsere Bewertung einzubeziehen und systematisch zu erfassen, desto genauer können wir Aussagen über die Sprachqualität machen.

Und mit Hilfe der Sprachregeln können wir dem sehr nahe kommen. Dennoch wird immer ein gewisses Maß an Subjektivität bestehen bleiben, das berücksichtigt werden muss – ganz gleich, wie präzise wir Qualität messen und quantifizieren können.

Niemand - weder Mensch noch KI - kann objektiv entscheiden, was "gut" ist. Unser Ziel ist es vielmehr, die erwartete Qualität zu erkennen und zu erreichen.

Diese komplexe Formel ist das, was wir im Rahmen der Sprachqualitätsbewertung zu bewältigen versuchen. Qualitätsbewertung ist kein absoluter Maßstab, und meines Erachtens kann sie nicht funktionieren, wenn man lediglich nach „guter Qualität“ strebt. Weder Mensch noch KI kann bestimmen, was gute Sprachqualität ausmacht. Denn bei der Qualität einer Sprache kommt es vor allem darauf an, welchem Zweck sie dient. Entspricht sie den Anforderungen der Autorin bzw. des Autors und der Zielgruppe? Passt der Inhalt zum Kontext? Das sind Fragen, bei denen sowohl Menschen als auch KI helfen können, Antworten zu finden.“

Bei der Erstellung oder Durchführung einer Sprachqualitätsbewertung sollte die beurteilende Person ihre Entscheidung auf der Grundlage der Bedingungen und relevanten Parameter treffen, die für den jeweiligen konkreten Fall gelten. Denn ich bin der Meinung, dass sich die Qualität von Sprache nur in einem konkreten Kontext beurteilen lässt, nach den Maßstäben einer bestimmte Gruppe oder möglicherweise durch einen Mehrheitsbeschluss (also danach, was als die gängigste oder am weitesten verbreitete Form gilt).

Sprache ist zutiefst menschlich – und „menschlich" lässt sich nicht in gut oder schlecht einteilen.

Menschlichkeit ist eine Skala. Sie ist formbar, verändert sich ständig und ist auf perfekte Weise unvollkommen. Wir können nur beurteilen, ob Sprache unseren Bedürfnissen und Erwartungen gerecht wird.

KI kann uns dabei helfen. Indem man eine KI mit Parametern und Metriken versorgt und die verschiedenen subjektiven Elemente angemessen gewichtet, kann sie die eher mühsamen, fehleranfälligen oder sich wiederholenden Aufgaben übernehmen. So bleibt mehr Raum für die spannenden Aufgaben – für zwischenmenschlichen Austausch, Innovation und kreatives Denken. KI kann auch bei Qualitätsbewertungen einbezogen werden. Es sollten jedoch die Menschen sein, die bestimmen, was die KI tut oder nicht und wie sie dabei vorgeht. Wenn KI uns Daten zur Verfügung stellt, die etwas über Sprachqualität aussagen oder auf sie hindeuten können, sollten wir die Verantwortung dafür tragen, wie diese Daten gewichtet, interpretiert und eingesetzt werden. Diese Stellschrauben sollten über reine Korrektheits- oder Häufigkeitskriterien hinausgehen. Um Sprachqualität angemessen beurteilen zu können, müssen auch Kontext, Zweck und die erwartete Wirkung des erzeugten sprachlichen Inhalts berücksichtigt werden.

Das letzte Wort haben Sie

Abschließend lässt sich sagen, dass KI bereits heute gut darin ist, sprachliche Inhalte für uns zu erstellen, und dass sie darin künftig noch besser werden wird. Je mehr Daten wir der KI zur Verfügung stellen, desto besser wird sie in der Lage sein, die subjektiven Aspekte von Sprache an den jeweiligen Kontext, die Zielgruppe und den beabsichtigten Zweck anzupassen. Je mehr kontextbezogene Details wir dem KI-Modell liefern, desto besser können wir das daraus resultierende Ergebnis einschätzen. Und letztendlich wird es für Sie als Lesenden immer schwieriger werden, zwischen KI-generierten und menschengenerierten Inhalten zu unterscheiden Angesichts der verbesserten Leistungsfähigkeit der KI bei der Erstellung sprachlicher Inhalte ist es auch naheliegend anzunehmen, dass sie bei der Bewertung dieser Inhalte (ob KI-generiert oder von Menschen erstellt) immer besser werden wird. Aus meiner Sicht ist der entscheidende Faktor für die Verbesserung und Messung der Qualität eine stärkere menschliche Kontrolle über den Prozess.

Ganz gleich, ob die Qualität sprachlicher Inhalte mit oder ohne KI bewertet wird: Die letztendliche Entscheidung darüber, ob die Qualität den Anforderungen genügt, liegt bei denjenigen, die den Inhalt lesen, hören oder anderweitig nutzen. Und diese Einschätzung ist für jede Person einzigartig.

Hohe oder niedrige Qualität ist kein absoluter Maßstab. Das Beste, wonach wir streben können, ist die Zustimmung der Mehrheit einer Gruppe von Menschen – jener Menschen, für die die sprachlichen Inhalte letztlich bestimmt sind.

Weitere Ressourcen

KI kann ein effizientes Mittel zur Lokalisierung von Content und zur Bewertung der Übersetzungsqualität sein, reicht aber allein nicht aus. Sie muss hinsichtlich Kontext, Wortschatz und Sprachkombination trainiert und angepasst werden. Der Einsatz von KI für Übersetzungen ohne die entsprechenden Rahmenbedingungen – einschließlich der Anleitung und Steuerung durch menschliche Fachkompetenz – mag zwar bei einzelnen Projekten funktionieren, stellt jedoch im größeren Maßstab keine ausreichende Lösung dar.

Um Ihnen den Überblick über die komplexe Welt der KI-Lokalisierung zu erleichtern, haben wir eine Liste mit weiteren Ressourcen für Sie zusammengestellt: