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Wie die COVID-19-Pandemie unsere Sprache verändert

Raquel Burgos, Linguist ES bei LanguageWire

Autorin: Raquel Burgos
Linguist ES, LanguageWire
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Illustration: Wie COVID-19 die Sprache verändert

Der Ausbruch des Coronavirus hat neue Wörter und Ausdrücke geschaffen.

Sprache entwickelt sich ständig weiter und passt sich neuen Realitäten und Umständen an. Der Ausbruch des neuartigen Coronavirus bildet dabei keine Ausnahme. Bereits seit dem ersten Tag lesen und hören wir in den sozialen Medien, in Memes und auch in den traditionellen Medien neue Wörter.

Seit 20 Jahren befasse ich mich mit Sprache und in meiner Funktion als Linguistin bei LanguageWire bin ich jeden Tag mit Sprache in Kontakt, sowohl als Korrektorin  als auch als Terminologin für unsere Kunden.

In Spanien, wo ich geboren bin und arbeite, sind die Auswirkungen der Pandemie auf die Gesellschaft und die Sprache ganz deutlich zu sehen.

In der Sprachwissenschaft betrachten wir unter anderem die Auswirkungen von sozialen, kulturellen und politischen Faktoren auf die Sprache. Der Ausbruch des Coronavirus und die neuen Wörter und Ausdrücke, die daraus entstanden sind, werden für Linguisten auf der ganzen Welt sicherlich noch über viele Jahre Gegenstand der Forschung sein.

Eine interessante Diskussion, die im Zusammenhang mit der Pandemie aufgekommen ist, ist die Unterscheidung der Begriffe „soziale Distanzierung“ und „physische Distanzierung“.

Aber bevor wir uns weiter mit den Feinheiten der Distanzierung beschäftigen, wollen wir uns zunächst genauer ansehen, wie Sprache sich verändert und welchen Einfluss das auf die Kommunikation in so außergewöhnlichen Zeiten wie einer globalen Pandemie hat.

Vom Idiolekt zum Neologismus

Sprache verhält sich wie eine Lebensform, sie entwickelt sich ständig weiter und passt sich neuen Realitäten und Umständen an. Laufend erweitern wir die gesprochene Sprache mit neuen Wörtern und Ausdrücken, den sogenannten Neologismen.

Jede Veränderung einer Sprache durchläuft zwei Phasen: die Neuprägung und die Verbreitung. Verwendung und Veränderung sind dabei zwei Seiten derselben Medaille: Die Sprecher verändern die Sprache durch ihre Verwendung, auch wenn dies nicht immer absichtlich geschieht.

Der Duden definiert das Wort „Idiolekt“ als „Wortschatz und Ausdrucksweise eines Individuums“. Ein einzelner Anwender verwendet ein Wort oder einen Ausdruck auf neuartige Weise (Idiolekt) und verbreitet das neue Wort anschließend.

Es gibt verschiedene Möglichkeiten, neue Wörter weiterzugeben, z. B. in einem Nachrichtenartikel, in einem Blog, in einem Video oder in den sozialen Medien. Das führt zu anderen Sprechern, die das neue Wort ebenfalls nutzen (Neologismus).

Eine kurze Geschichte der Wortentstehung

Im Jahr 218 v. Chr. kam mit den Römern die lateinische Sprache auf die iberische Halbinsel. Natürlich hat sich die gesprochene Sprache seither weiterentwickelt und immer weiter vom Latein der Römer entfernt. Es gibt schriftliche Belege dafür, dass die importierte Sprache sich bis zum 9. Jahrhundert zu einer eigenen Sprache entwickelt hatte, einer romanischen Sprache, die wir heute als Spanisch kennen.

Aber dies war nur der Beginn einer spannenden Reise, in deren Verlauf die Sprache sich immer weiter wandelte. Diese Veränderungen wurden durch menschliche Entwicklungen und Ereignisse auf der ganzen Welt angestoßen. Über mehrere Jahrhunderte hinweg wurden manche neuen Wörter (oder Neologismen) beibehalten, während andere wieder verschwanden.

Es gibt Momente in der Geschichte, in denen eine Sprache besonders viele neue Wörter aufnimmt. Man denke nur an die spanischen Schiffe, die im 15. Jahrhundert neue Früchte, Pflanzen und Tiere aus Amerika mitbrachten. Damals begannen die Spanier tomates (Tomaten), patatas (Kartoffeln), judías (Bohnen), pavo (Truthahn) und chocolate (Schokolade) zu essen und diese Wörter gingen gleichzeitig in den spanischen Wortschatz und in die spanische Kultur ein.

Für manche von uns ist Schokolade heute sogar ein wichtiger Bestandteil der täglichen Ernährung!

Neue Wörter in der COVID-19-Pandemie

Die Globalisierung und die Einführung von Neologismen haben sich in den letzten Jahren, in denen sich die Technologie schneller weiterentwickelt hat als jemals zuvor, ebenfalls beschleunigt.

Wir kommunizieren und produzieren mehr Content als jemals zuvor und unsere neu geprägten Wörter und Ausdrücke erreichen dank des Internets und der sozialen Medien ein weltweites Publikum.

Der Ausbruch des Coronavirus hat dazu geführt, dass – neben weniger gebräuchlichen Wörtern, die bereits existierten – viele neue Wörter und Ausdrücke verwendet werden, die sich fast genauso schnell verbreiten, wie das Virus selbst.

Einige bereits existierende Wörter und Ausdrücke wurden mit dem Ausbruch des Virus allgegenwärtig. Hier einige Beispiele auf Englisch und Deutsch:

DE ES EN
Coronavirus Coronavirus Coronavirus
Quarantäne Cuarentena Quarantine
Eindämmung Confinamiento Confinement
Pandemie Pandemia Pandemic
Home Office Teletrabajo Remote work, WFH
PSA EPI PPE
Abflachen der Kurve Aplanar la curva Flatten the curve
Soziale Distanzierung Distanciamiento social Social distancing

Und neue Wörter wurden geprägt, die sich schnell verbreiteten:

DE ES EN
COVID-19 COVID-19 COVID-19
Covidiot Covidiota Covidiot
Corona-Koma Coronacoma Coronacoma
Coronials Coronabebés Coronials
Corona-Scheidung Covidivorcio Covidivorce
Coronaspeck Confitamiento Coronaspeck

Soziale Distanzierung vs. physische Distanzierung

Einer der am häufigsten verwendeten Ausdrücke dieser Tage ist „soziale Distanzierung“ (oder auf Englisch: Social Distancing). Der Fachbegriff wird verwendet, um zu beschreiben, dass Menschen mindestens 1,5 Meter Abstand zu einander halten müssen. Über die tatsächliche Bedeutung des Begriffs habe ich nicht nachgedacht, bis ich diesen Artikel des Fundéu (auf Spanisch) gelesen habe, in dem der Unterschied zwischen sozialer Distanzierung und physischer Distanzierung erläutert wird. Tatsächlich sind dies nämlich zwei ganz unterschiedliche Dinge.

Soziale Distanzierung impliziert, dass man von der Gesellschaft, in der man lebt, isoliert ist, während physische Distanzierung beschreibt, dass man von anderen Menschen räumlich getrennt ist.

Man könnte argumentieren, dass der Fokus in unserer hochgradig digitalisierten Welt stärker auf eine physische als auf eine soziale Distanzierung hätte gelegt werden sollen. Wie Stephen Frost vom Counselling Directory in seinem Artikel The difference between social distancing and physical distancing schreibt: „In einer Zeit der Krise und Angst brauchen wir das Gegenteil von sozialer Distanzierung. [...] Wir müssen physisch Abstand halten und uns nicht sozial distanzieren.“

Fazit

Wir wissen nicht, welche dieser Neologismen uns langfristig erhalten bleiben und welche in Vergessenheit geraten werden, sobald wir wirksame Behandlungsmöglichkeiten gefunden haben und die Pandemie überstanden ist. Das wird die Zeit erst noch zeigen.

Bis dahin: Bleiben Sie gesund und halten Sie physisch Abstand, nicht soziale Distanz.

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